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Arbeitsmarkt: Wie Digitalisierung die Arbeit von morgen verändern wird

Lars-Thorsten Sudmann
23.03.2020 17:19:03

Die bekannte Talkshow-Moderatorin Maybrit Illner fragte in einer ihrer jüngsten Sendungen “Jobkiller Digitalisierung?”. Keine Frage, der Arbeitsmarkt ist im Begriff sich zu verändern. Jedoch: in welche Richtung? In diesem Beitrag haben wir für sie eine Reihe von Studie zusammengefasst, die drei drängenden Fragen beantwortet.

In seinem vielbeachteten Aufsatz für den Harvard Business Manager schrieb der Ökonom Peter F. Drucker 1992, dass in der Geschichte der westlichen Welt alle paar hundert Jahre zu einer tiefgreifenden Wandlung kommt, die eine ganze Gesellschaft innerhalb von wenigen Jahrzehnten vollständig umbaut. “50 Jahre später ist eine neue Welt entstanden,” schreibt er darin. “Und die Menschen, die in die Welt hineingeboren werden, können sich die Welt, in der ihre Großeltern lebten und ihre Eltern aufwuchsen, nicht einmal mehr vorstellen.”

Blickt man auf die Herausforderungen der Digitalisierung, drängt sich die Frage auf, ob wir erneut vor einer solchen Wandlung stehen. Oder im Sinne von Peter F. Drucker formuliert: Werden unsere Kinder in einer Arbeitswelt leben, in der sie nicht mehr nachvollziehen können, wie wir heute arbeiten. Die Signale dafür existieren: in den 1970er Jahren als Telearbeit bezeichnet, wird Homeoffice immer beliebter. Die Zahl der “freelance worker” steigt, während das sozialversicherungspflichtige Normalarbeitsverhältnis rückgängig ist. Dank Smartphone, Tablet und Co. ist das Arbeiten von überall und jederzeit möglich. Der stationäre Arbeitsplatz scheint an Bedeutung zu verlieren.

Wenig überraschend also, dass eine Fülle von Studien sich mit den Wandlungen in der Arbeitswelt beschäftigen. Wir haben eine Reihe von Studie in den Fokus genommen und haben die Kernaussagen zu drei Fragen zusammengefasst.

 

Werden Roboter den Menschen ihre Jobs nehmen? - Die Oxford-Studie

2013 sorgten Wissenschaftler an der University of Oxford weltweit für Aufruhr. In einer großangelegten Studie untersuchten sie 702 einzelne Berufsgruppen, ob sie in einer absehbaren Zeit durch digitale Technologien ersetzt werden können. Experten sprechen dabei von “Substituierbarkeitspotenzial” von Berufen durch Maschinen. Dass Roboter Menschen in der Produktion ersetzen können, ist seitdem Einsatz von Industrierobotern gemeinhin bekannt. Es ist daher naheliegend anzunehmen, dass durch die Digitalisierung vor allem diese Arbeitsplätze bedroht sind.

Bei diesem Aspekt sind die Oxford-Wissenschaftler zu einer doch überraschenden Erkenntnis gelangt. Viele Berufe in der Dienstleistungsbranche sind ebenfalls betroffen. Diese erfordern in der Regel kreative und soziale Kompetenzen im Umgang mit Menschen und Problemen, was bisher als Alleinstellungsmerkmal des Menschen gegenüber Maschinen wahrgenommen wurde. Maschinen können nicht inzwischen nicht nur präzise mit dem Schraubenzieher arbeiten, sondern auch mit Menschen kommunizieren und interagieren. Dieser Umstand bedroht Berufe wie den Callcenter-Agent.

 

Wie sehen die Gefährdungspotenziale für den deutschen Arbeitsmarkt aus? - Die deutschen Forscher

Die Oxford-Studie hat das Substituierbarkeitspotenzial von Berufen weltweit betrachtet. Aufbauend auf die Oxford-Studie haben Wissenschaftler der ING DiBa 2015 in ihrer Studie explizit den deutschen Arbeitsmarkt betrachtet. Ihr Resultat: Die Gefährdungsquote, dass Berufe automatisiert und durch Maschinen ersetzt werden können, beträgt 59 Prozent. Die Autoren der Studie führen diese vergleichsweise hohe Quote auf die große Dichte der Industrieproduktion zurück.

In einer weiteren Studie des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) gelangten Wissenschaftler des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) zu ähnlichen Ergebnissen wie ING DiBa. Allerdings führten sie an, dass nicht alle Beschäftigten einer Berufsgruppe dieselben Tätigkeiten ausführen. Sie haben die Substituierbarkeit nicht nach Berufsgruppen sondern nach den Tätigkeiten untersucht. Das Ergebnis: 12 Prozent der Tätigkeitsprofile unterliegen einer sehr hohen Automatisierungswahrscheinlichkeit. Zum Vergleich beträgt dieser Wert für den Arbeitsmarkt in den USA neun Prozent. Auch das Forschungsinstitut der Bundesagentur ist dieser Frage nachgegangen. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hat im Gegensatz zu den anderen Studien genau hingeschaut, welche Tätigkeiten bereits heute durch Maschinen und Computer ersetzt werden können. Betroffen sind 15 Prozent der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten, bei denen mehr als 70 Prozent der Tätigkeiten automatisiert werden können.

 

Wie wird der Strukturwandel auf dem deutschen Arbeitsmarkt in der Zukunft aussehen? - Szenario-Analysen

Die bisher vorgestellten Studien sagen zunächst nur eins: ein Teil der Jobs können durch Maschinen und Computer ersetzt werden. Es ist allerdings unbeantwortet, ob neue Berufsprofile neu hinzukommen oder bestehende Tätigkeiten sich an die Anforderungen der Digitalisierung anpassen werden. Industrieregionen im Ruhrgebiet, Saarland oder in einigen Teilen Ostdeutschland beispielsweise führen seit Jahrzehnten vor, dass neue Berufsprofile dort entstehen, wo andere Jobs verdrängt wurden. Einen ähnlichen Effekt kann man bei der Digitalisierung auf den gesamtdeutschen Arbeitsmarkt erwarten. Und in der Tat, die Aussichten sind bei Weitem nicht so getrübt, wie es heute unter dem Eindruck der Gefährdungspotenziale wirkt.

Das IAB (der Bundesagentur) hat in einer 5-stufigen Szenario-Analyse untersucht, welche Auswirkungen es auf den Arbeitsmarkt hätte, wenn höhere Investitionen in Ausrüstung und Bau für ein schnelles Internet getätigt werden würden. Die Forscher gelangen zum Ergebnis, dass der dadurch angestoßene Strukturwandel hin zu mehr Dienstleistungen beschleunigen würde. Sie erwarten einerseits, dass zwar neue Arbeitsabläufe und Tätigkeiten hinzukommen und andere verschwinden. Der Verlust von Arbeitsplätzen wird jedoch geringer ausfallen, da neue Arbeitsplätze entstehen werden. Für die Autoren ist jedoch wesentlich, dass umfangreiche Weiterbildungsmaßnahmen stattfinden, um so die Arbeitskräftebewegung von bedrohten Tätigkeiten in der Produktion in Richtung Dienstleistung begünstigt werden.

Die Bertelsmann-Stiftung hat gemeinsam mit der Stiftung Neue Verantwortung eine eigene Szenario-Analyse durchgeführt. Dafür haben Sie Foresight Lab eingerichtet, in dem Technologie-. und Arbeitsmarktexperten sechs Szenarien entwickelt haben. Die Autoren haben daraus drei szenarioübergreifende Handlungsfelder für Politik, Gesellschaft und Wirtschaft herausgearbeitet: Neuorganisation der Arbeit, Druck auf den Arbeitsmarkt und Weiterqualifizierung.

Bei der Neuorganisation der Arbeit gehen die Autoren aus, dass der Arbeitsmarkt weiter flexibilisiert und die Zahl von Beschäftigungsverhältnissen mit unbestimmter Dauer abnehmen wird. Im Zuge der Strukturanpassung durch die Digitalisierung erwarten die Autoren einen Druck auf den Arbeitsmarkt durch steigende Arbeitslosigkeit und sozialen Spannungen. Dies rücke die Frage nach Chancengerechtigkeit. Eine hochdynamische wie digitalisierte Gesellschaft erfordere zudem eine ständige Weiterqualifizierung der Arbeitskräfte. Die Autoren fordern nach staatlichen Qualifizierungsmaßnahmen, die dem technologischen Wandel und hohen Innovationsdruck gerecht werden.

Und was sagen die Gewerkschaften dazu? Wissenschaftler des Europäischen Gewerkschaftsinstitut (ETUI) gehen davon aus, dass durch die Digitalisierung bestehende Arbeitsplätze vernichtet und ins Ausland verlagert wird. Sie erwarten aber auch, dass neue Produkte und Dienstleistungen und damit einhergehend neue Arbeitsplätze entstehen werden. Die Forscher zeigen sich besorgt über die Arbeitsbedingungen in der digitalen Wirtschaft und warnen vor Gesundheitsrisiken, aber auch Risiken der Diskriminierung und Marginalisierung. Sie leiten daraus den Handlungsbedarf für die Gewerkschaften in den jeweiligen Heimatländern Regelungen der digitalen Wirtschaft durchzusetzen. 

Es scheint klar zu sein, dass der Arbeitsmarkt genau jene Wandlungen durchlebt, über die Peter F. Drucker gesagt hat, dass daraus eine neue Welt entstehen wird. Folgt man den zuvor vorgestellten Studien, müssen Führungskräfte ihre Unternehmen auf einen Anpassungsdruck vorbereiten. Der wichtigste Treiber dafür ist die Digitalisierung. Die Erkenntnisse aus den Studien zeigen allerdings, dass Digitalisierung nicht mehr ausschließlich eine Frage von Technologie ist. Arbeitsorganisation, Unternehmenskultur, Weiterbildung, Entschleunigung und viele weitere weichen Faktoren müssen mit den technologischen Innovationen synchronisiert werden.

 

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