Design Thinking als Alleskönner: Probleme lösen und Veränderungen beschleunigen

Lars-Thorsten Sudmann
05.10.2020 16:18:24
  1. Design Thinking ist eine Antwort auf komplexe Fragen
  2. Definition von Design Thinking – eine Frage des Ziels
  3. Wie funktioniert Design Thinking?
  4. Fallbeispiel: Digital Information Hub für Rolls-Royce
  5. Kritik an Design Thinking
  6. Die richtige Denkweise ist wichtig: Design Thinking ist auch eine Frage der Haltung
  7. Fazit: Fokus auf Team und Kunden setzen

Viele Unternehmen teilen heutzutage ähnliche Erfahrungen: Produkte oder Dienstleistungen, die in multidisziplinären Teams entwickelt werden, haben höhere Chancen, im Wettbewerb zu bestehen. Die Methode dazu: Design Thinking. Ist sie ein Werkzeug von Business-Romantikern oder ein pragmatischer Alleskönner?

Design Thinking könnte Unternehmen und Entscheidern dabei helfen, mit den Herausforderungen unserer Zeit umzugehen und Prozesse zu optimieren. Die rasant wachsende Denkschule des Design Thinking wurde in den letzten Jahrzehnten immer stärker genutzt.   Die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtete 2018, dass diese Methode “sich unheimlich schnell“ verbreitet. Gestützt wird diese Aussage durch die umfangreiche Studie aus 2015 des Hasso Plattner Instituts. In “Parts without a whole – The Current State of Design Thinking Practice in Organizations“ zeigten die Autoren auf, dass etwa die Hälfte der größten Unternehmen Design Thinking anwenden.

Die Grundideen und Prinzipien sind allerdings nicht etwa in den letzten zwanzig Jahren zu verorten, sondern entstammen bereits aus dem frühen 20. Jahrhundert. Bereits 1920 prägte die Bauhaus-Bewegung den Satz “Form follows function“ und setzte damit einen starken Kontrast zu ästhetischen Formen anderer Epochen. Die Form, also das Design, sollte sich der Funktion des Produktes anpassen und nicht andersherum. Als Vorläufer der Denkprozesse des Design Thinkings zeigte die Bauhaus-Bewegung bereits, dass der Nutzer mit seinen Bedürfnissen und Erfahrungen im Vordergrund stehen sollte, wie auch später in der Design Thinking-Methode.

Was bedeutet “Bauhaus”?

Grafik im Bauhaus-Stil

2019 feierte die Bauhaus-Bewegung in Deutschland sein 100jähriges Jubiläum. Bauhaus repräsentiert die moderne Schule für Kunst-Design und Architektur. Sein Gründer Walter Gropius hatte die Vision, eine neue "Baukunst" zu erschaffen. Dabei wollte er die Grenzen sich Handwerk, Technik, Kunst und Industrie überwinden. Effizienz und Nützlichkeit waren für das Bauhaus-Design maßgebend. Dieser Leitgedanke bildet das Fundament für das Design-Thinking-Prinzip der Nutzerzentriertheit. Denn auch hier folgt die Methode den Erfahrungen des Nutzers.

 

 

Design Thinking ist eine Antwort auf komplexe Fragen


Design Thinking als Methode entstand in den 1970er und 1980er-Jahren. Die Vordenker der heutigen Design Thinking-Bewegung stellten fest, dass es auf komplexe Fragen selten leichte Antworten gibt und suchten eine Lösung für dieses Problem. Es stellte sich heraus, dass Multiperspektivität, also das Einnehmen unterschiedlicher Perspektiven, schnellere und kreativere Lösungen hervorbrachte, als eine einseitige Perspektive es jemals könnte. Was heutzutage nahezu zu jedem großen Unternehmen dazu gehört, war damals eine wahre Innovation.

 

Definition von Design Thinking – eine Frage des Ziels


Bisher gibt es noch keine einheitliche Definition für von Design Thinking. Design Thinking ist also keine klar definierte Methode, die immer anwendbar ist, sondern vielmehr eine grundsätzliche Haltung, mit der die unterschiedlichsten Probleme und Prozesse bearbeitet werden können. Allerdings gibt es drei Definitionen, die besonders häufig genannt werden und alle eine Daseinsberechtigung haben. Es gibt zu Recht keine klare Definition, die zu hundert Prozent auf jedes Unternehmen zutreffend ist, da eine eigene Sicht auf den Prozess von Vorteil sein kann.
Eine der gängigsten Definitionen geht davon aus, dass es sich bei Design Thinking um eine kreative Innovationsmethode handelt. Diese Definition eignet sich am besten für größere Teams und Gruppen, die in den Bereichen Produktdesign oder Dienstleistung arbeiten.

Eine weitere gängige Definition definiert Design Thinking als einen Prozess zur Problemlösung. In diesem Fall dient Design Thinking vor allem dazu, unterschiedliche und gegensätzliche Positionen konstruktiv mit in den Denkprozess einzubauen und so konstruktiv Lösungen zu finden. Die dritte gängigste Definition sieht Design Thinking als nutzerzentrierten Lösungsansatz für Veränderungsprozesse. Diese Definition eignet sich in erster Linie für Entscheidungsträger, die in ihrem Unternehmen Veränderungen durchführen und dafür Methoden, Prozesse und Managementtechniken nutzen möchten. Dabei stehen die Bedürfnisse der Nutzer im Mittelpunkt der Herangehensweise.

Produkte, Prozesse und Geschäftsmodelle, aber auch Dienstleistungen und weitere Fragestellungen werden mit der Design Thinking-Methode verändert.

 

Wie funktioniert Design Thinking?


Zum Erfolg von Design Thinking sind vor allem eine gemeinschaftliche Arbeits- und Denkkultur ausschlaggebend. Dafür sind drei Elemente besonders wichtig:

1. People

Für Antworten auf komplexe Fragestellungen sind Teams von fünf bis sechs Personen, die multidisziplinär zusammengesetzt sind, am besten geeignet. Dabei geht es um Teamkultur, nicht um Konkurrenzdenken.

2. Place

Kreativität und Ideen entfalten sich vorzugsweise in einer offenen und flexiblen Arbeitsumgebung. Bewegbare Möbel, Whiteboards, Materialien und visuelle Reize begünstigen den Prozess und sorgen für eine kreative Ideenfindung. Der sogenannte Kreativraum fungiert als Ort des Austausches und des visuellen Denkens.

3. Process

Der Design Thinking-Prozess besteht aus sechs Phasen, die eine offene Fehlerkultur zulassen. Die Schritte sollten kenntlich gemacht und voneinander abgegrenzt werden, da so der Prozess besser strukturiert werden kann.

  1. Verstehen
  2. Beobachten
  3. Sichtweise definieren
  4. Ideen finden
  5. Prototypen entwickeln
  6. Testen

Die sechs Schritte müssen auf jedes individuelle Problem angewendet werden. Wichtig ist, dass die einzelnen Schritte zeitlich festgelegt sind und es keine Überschneidungen gibt, damit sich das Gehirn immer nur auf jeweils eine Aufgabe vollständig konzentrieren kann.

Dabei dienen die ersten drei Schritte vor allem dem divergenten Denken und die letzten drei Schritte dem konvergentem Denken. Beim divergenten Denken beschäftigen sich die Teilnehmer offen, unsystematisch und experimentierfreudig mit einem Thema. Der Verlauf ist dabei nicht linear, die Auseinandersetzung mit dem Thema erfolgt eher spielerisch. Anders das konvergentes Denken; nicht die spielerische und unvoreingenommene Erschließung eines Themas steht im Vordergrund, sondern das Problem, das logisch, planmäßig und rational gelöst wird.

Visualisierung des Design-Thinking-Prozesses

DesignThinking-Prozess mit den Bestandteilen People, Place, Process

 

 

 

Fallbeispiel: Digital Information Hub für Rolls-Royce


Das Hasso-Plattner-Institut (HPI) gehört zu den Pionieren der Design Thinking-Lehre und bildet im Schnitt 270 Studenten im Jahr aus. Die Studierenden lernen sowohl die Theorie und Methodik hinter Design Thinking, als auch die Praxis durch tatsächliche Fallbeispiele mit großen Unternehmen. So auch mit dem Projektpartner Rolls-Royce. Die Studierenden hatten die Aufgabe, die Schichtplanung für Arbeiter, Teamleiter und Produktionsplaner neu zu gestalten. Die Belegschaft wünschte sich eine flexiblere und effektivere Arbeitsumgebung.

Der Design Thinking-Prozess der Studierenden begann damit, sich mit Konzepten wie New Work und Selbstorganisation auseinanderzusetzen. Anschließend begann die nächste Stufe des Design Thinking-Prozesses, indem die Studierenden Interviews mit Mitarbeitern von Rolls-Royce führten. Sie fanden heraus, dass ein Wunsch nach einem einheitlichen System zur Schichtplanung sowie ein Wunsch nach individueller Schichtplanung bestand.

Folglich war der nächste Schritt im Prozess, dass Studierende und Mitarbeitende gemeinsam das Problem diskutierten und Lösungen suchten. Dadurch kamen Angestellte aus unterschiedlichen Positionen und Abteilungen ins Gespräch. Die Studierenden entwickelten basierend auf den Erkenntnissen einen Prototypen für einen digitalen Information Hub, an dem sich alle zu Schichtbeginn einloggen können. Dort werden automatisch Informationen zur jeweiligen Schicht sowie weitere Informationen wie geleistete Arbeitszeit, Fortbildungen und Urlaubstage angezeigt. Auf der Grundlage des Prototyps entwickelt das Fraunhofer-Institut Leipzig die erforderliche Software.

Auch große Firmen, wie Bosch oder Airbnb nutzen die Methode des Design Thinking.

 

Kritik an Design Thinking


Design Thinking wird von Kritikern als “Phänomen der Gegenwart“ bewertet, das als Gegenmittel zu wirtschaftlichem Wachstum und sinnentleerter Arbeit dienen würde. So zeigt Tim Seitz, ein Berliner Soziologe, in seinem Buch “Design Thinking und der neue Geist des Kapitalismus. Soziologische Beobachtungen einer Innovationskultur“ den Widerspruch der Methode. Er denkt, dass Design Thinking einerseits einzelne Strukturen des Wirtschaftssystems entkräften will, andererseits jedoch genau diesen ökonomischen Prozessen folgt. Nach Seitz bietet Design Thinking also nur die kurzfristige Möglichkeit, oberflächlich aus festgefahrenen Strukturen auszubrechen.

 

Die richtige Denkweise ist wichtig: Design Thinking ist auch eine Frage der Haltung


Design Thinking ist nicht nur eine Methode, um Problemstellungen zu lösen. Es ist eine Chance, den Kulturwandel im Unternehmen anzuregen und mitzugestalten. Daher ist es wichtig, Design Thinking nicht auf seine Funktion als Werkzeug zu reduzieren, sondern es im größeren Kontext zu betrachten.

Spätestens bei der erstmaligen Anwendung wird deutlich, dass Design Thinking andere Methoden nicht verdrängt, die sich im Unternehmen etabliert und an die sich die Beschäftigten gewöhnt haben. Vielmehr vereint es sie zu einem neuen Sinnzusammenhang.

Wie bei jeder agilen Methode: Der Mensch ist am wichtigsten. Multiperspektivität sowie unterschiedliche fachliche und persönliche Kompetenzen gehören zum Design Thinking-Prozess dazu. Daher ist es ratsam, für die Umsetzung von Design Thinking ausgebildete, aber zumindest zertifizierte, Experten einzubinden. Nicht jeder, der einen Workshop leiten kann, eignet sich als Design Thinking-Coach.

 

Fazit: Fokus auf Team und Kunden setzen


Design Thinking kann Unternehmen dabei helfen, mit den individuellen und gesamtgesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit umzugehen. Eine gute Einführung in den Prozess und die Methodik dahinter bietet das “Handbuch für Design Thinking“, das ein Standardwerk in dieser Disziplin darstellt.

Buchcover: Design Thinking - Das Handbuch

Eine Besonderheit dabei: Erkenntnisse aus der Wissenschaft werden mit Erfahrungen aus der Praxis verknüpft. Dafür stehen seine Herausgeber: Während Falk Uebernickel und Walter Brenner Wissenschaftler an der Universität St. Gallen sind, hat Britta Pukall als Unternehmensberaterin verschiedene Startups intensiv begleitet. In diesem Buch kommen verschiedenen Autoren vor, die diese Disziplin multiperspektivisch und interdisziplinär vorstellen. Im Kern bleibt die Kernbotschaft den Prinzipien des Design Thinkings treu: Das Team und die Kunden sind am wichtigsten.

Und in der Praxis? Die bloola App

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